Tod durch Buecher – Hasenherz’ Blog

Warum Worte Leben retten – oder auch nicht

Konsequenzdilemma Februar 9, 2010

Abgelegt unter: Dienstag — hasenherz @ 3:19 pm

“Tit for Tat” ist eine Strategie für ein Spiel im Sinne der Spieltheorie. “Tit for Tat” ist wohl mit “Wie Du mir, so ich Dir” zu übersetzen. Aaaaaaaaaaaaaaaaber so negativ, wie “Wie Du mir, so ich Dir” gemeinhin aufgefasst wird, ist diese Strategie nicht. In der Spieltheorie bezeichnet “Tit for Tat” die Strategie eines Spielers, der in einem mehrperiodigen Spiel im ersten Zug kooperiert und danach genauso handelt wie sein Gegenspieler in der jeweiligen Vorperiode. Hat letzterer zuvor kooperiert, so kooperiert auch der “Tit for Tat”-Spieler. Hat der Gegenspieler in der Vorrunde hingegen defektiert, so antwortet der “Tit for Tat”-Spieler zur Vergeltung ebenfalls mit Defektion. Allerdings ist, wenngleich das aus dem Namen nicht hervorgeht, der Spieler zu Beginn auf jeden Fall kooperativ. Es handelt sich also um eine freundliche Strategie. Wenn zwei “Tit for Tat”-Spieler aufeinander treffen, kooperieren sie immer.

Mir wurde mal erklärt, dass eine abgewandelte Form von “Tit for Tat” die grössten “Gewinne” erzielt: Sei kooperativ. Wirst Du aber verarscht gebe eine Warnung ab und kooperiere wieder. Wirst du erneut verarscht – trotz der Warnung – kooperiere nie wieder. Ich habe mir gedacht: Das lässt sich doch wunderbar aufs Leben übertragen!
Leider ist das nicht so einfach. Das sieht man ja schon bei der Kindererziehung. Wie oft hört man: “Wenn Du jetzt nicht sofort aufhörst damit – ich sage es jetzt ein letztes Mal – dann bekommst Du keine Schoggi!” Und wie oft beobachtet man Eltern dann in ihrer Inkonsequenz und sie geben dem Kind Schoggi obwohl es nicht aufgehört hat. Ja, ja, es ist so eine Sache mit der Konsequenz. Oder wie Pier Paolo Pasolini mal gesagt haben soll: “Ich weiss sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirklich konsequent zu sein.”

 

60 Stunden Wochenende Februar 8, 2010

Abgelegt unter: Montag — hasenherz @ 7:50 am
"36 Stunden" im Tojo Theater in Bern

"36 Stunden" im Tojo Theater in Bern

Erneut ist ein ereignisreiches Wochenende ins Land gezogen. Es hat damit begonnen, dass Badana und ich am Freitagabend nach Bern gefahren sind ins Theater. Wir haben uns das fantastisch gute Stück “36 Stunden” von Ödön von Horváth geschaut. Die Inszenierung war der Hammer und die Schauspieler haben wirklich überzeugt. Ein echter Genuss. Die Heimfahrt dann kam einem Kulturschock gleich. Mit einer Bande junger Menschen, die ausser Rand und Band, teilten wir einen Zugwagon.
Am Samstag haben Mr. Fox und ich die Stadt unsicher gemacht. Ihn hat seine neue Kamera begleitet. So gibt es nun also Fotos von mir vor Tellern und Töpfen im Einkaufshaus, auf Zebrastreifen, auf Plätzen und an Enden, hoch über dem Fluss und vor Caféhausspiegeln. Der Samstagabend verbrachten wir sicher und warm in unserer zweiten Heimat. Dort hab ich ein Gespräch mit Milan über Geschichte geführt. Ich hab ihm dann die Lektüre “An die Nachgeborenen” von Bertolt Brecht empfohlen.
(“Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.”)

Nach relativ wenig Schlaf haben wir uns dann in die Sonntags-Brunch-Menschenmassen gemischt und über die Frage diskutiert, was wir unseren Eltern wie auch uns selbst vorwerfen könnten. Mir kam nur eines in den Sinn: Zu achtlos und vor allem auch zu sorglos mit der Liebe umgegangen zu sein. Der Zauberlehrling war mal wieder bezaubernd und hat Dinge gesagt wie: “Ich habe mich… ähm… die letzen Tage… der Krankheit gewidmet…” Und zum Schluss bin ich gestern Abend spät an der Sihl gestanden und hab erfahren, dass fliessendem Wasser zuzuhören glücklich macht.

 

Bring Schauder mir! Februar 5, 2010

Abgelegt unter: Freitag — hasenherz @ 11:00 am

Gestern waren Verdammnis-Theres und Vergebung-Dani bei mir und wir haben ein vorzügliches Hasen-Dinner genossen (trotz Abwesenheit des Hasen). Ich habe die beiden in die Gesetze von “Tat oder Wahrheit” eingeführt und sie haben sich nicht schlecht geschlagen.
Heute morgen dann: Alles geht und dreht und wendet sich. Und wenn dabei nicht kotzen muss, hat man schon viel gewonnen.

Ich lese gerade Gedichte. (Und find es noch immer sehr verwunderlich, dass ich so gerne Gedichte lese.) Bei Brecht “Terzinen über die Liebe” hab ich inne gehalten. “(…) Wohin, ihr? / Nirgendwohin. / Von wem entfernt? / Von allen. / Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? / Seit kurzem. / Und wann werden sie sich trennen? / Bald. / So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.”
Und dann erinnerte ich mich an das Gedicht von Veronika Suter – eine Mitschülerin – die mir genau vor einem Jahr ein Gedicht geschrieben hat. Also, sie hat nicht MIR ein Gedicht geschrieben. Sie wurde von mir und meinem tiefschwarzen Herzen zu einem Gedicht inspiriert (was für ein schönes Kompliment!). Es geht so:

Nimm die Nacht mein Lieb
die Nacht, nimm
die Glut und Himbeerrot
nimm, mein Lieb
nimm dir
die Nacht

Lieb, mein Lieb, lieb
trink mit mir Eisblau -
wein mit mir
lach mit mir
so samten mit uns
die Nacht

Bring Schauder mir
nimm mich mit
in die Nacht
mein Lieb

In die Nacht
mich, mein Lieb, nimm
mich, nimm
die Nacht

Ihr hättet hören sollen, wie sie es vorgetragen hat! Ich hatte noch Tage später Gänsehaut. Das war ein sehr schöner (sehr trauriger) Tag, damals, als Veronika mir ein Gedicht geschrieben hat.

 

Ich würde leben Februar 3, 2010

Abgelegt unter: Mittwoch — hasenherz @ 2:31 pm

Ich bin jedes Mal wieder fasziniert, wie sehr das Licht ändern kann. Ich finde diesen Umstand so unglaublich! Das Dasein lässt mich immer mal wieder mit offenem Mund stehen. Noch vor ein paar Wochen war alles so anders. Und heute ist alles so anders. Ich kann mir – jetzt schon – nicht mehr vorstellen, wie es war, noch vor ein paar Wochen. Das ist so seltsam! Ich verlier so ungern. Und mit “verlieren” meine ich: Fallen. Aufgeben. Es-nicht-geschafft-haben. Ich verlier sogar ungern, wenn ich eigentlich hab verlieren wollen.

Gestern hab ich ein Zitat gelesen. Es geht so: “Denn wenn ich wüsste, dass ich sterben könnte, würde ich leben.” (Terry Pratchett)

Nun. Nun fülle ich meine Zeit mit Farben. Ich giesse klebriges Blau in den Raum und vermische es mit giftigem Grün. Ich heisse mein Vampirherz willkommen und tanze unter einem bleichen Mond.
Nun. Nun vertreibe ich die Geister und hoffe und hoffe und hoffe, dass sie das nächste Mal – obwohl ich mir ein nächstes Mal nicht richtig vorstellen kann – weniger störrisch sind. Weniger und vielleicht auch ohnmächtiger.
2010 ist schliesslich mein Glücksjahr. Wahrscheinlich ist es ja so, dass dieser Lichtwechsel gerade grosses Glück war.

 

Es ist was es ist Februar 1, 2010

Abgelegt unter: Montag — hasenherz @ 10:17 pm

Was mir heute nicht aus dem Sinn geht: Manchmal sind wir grösser als unsere Gefühle. Manchmal sind wir grösser als wir selbst.

Auch heute bin ich wieder Grinsekatze und auch heute habe ich wieder Zermatt gerochen. Aber hey! Heute war es kein Anfang, es war ein Ende. Und das Ende ist auch ein Anfang. Und so dreht sich das Drehspiel weiter und weiter und weiter. Und daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaann? Und dann lebte sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinning
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

(Erich Fried)

 

Herzflackern Januar 31, 2010

Abgelegt unter: Samstag, Sonntag — hasenherz @ 8:23 am
Iridium-Flare

Iridium-Flare

Bei uns zu Hause findet gerade eine Party statt. Ich liege im Bett und lausche den Stimmen. Sie haben etwas beruhigendes. Sie bündeln das Chaos, geben ihm eine Form.

Ich liege also im Bett und denke über das Monatsgespräch mit Alain de Botton im Magazin nach. Alain de Botton sagt da: “Für mich bedeutet Liebe, dass man seine Freiheit, einen anderen Menschen zum Leiden zu bringen, möglichst einschränkt.”  Liebe, Freundschaft, Beziehungen jeglicher Art bedeuten wohl immer auch Verantwortung über die Schmerzen des anderen. Klingt komisch, ist aber so.
Und später im Gespräch sagt er auf die Frage, wie man weiss, wann eine Beziehung zu Ende ist: “Es ist eine klassische Illusion, dass eine Liebesbeziehung einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. In Tat und Wahrheit geht es einem doch mit den Gefühlen, die man für einen anderen Menschen hegt so: Sie beginnen, enden, flackern wieder auf, erlöschen, fangen wieder Feuer, ersticken, motten weiter — und das Ganze hundert Mal täglich. Die Liebe ist nie voll da — und sie vergeht auch nie radikal. Proust wollte seine berühmte «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» eigentlich «Die Unterbrechungen des Herzens» nennen. Dieser Titel sagt doch alles. Unser Herz stellt in Liebesdingen ständig an und ab, auch wenn wir es lieber hätten, der Schalter stünde immer nur auf «Ein» oder «Aus».”

 

Lange Schatten Januar 29, 2010

Abgelegt unter: Freitag — hasenherz @ 12:00 pm
Zahnbürsten - Mehr als nur reine Körperhygiene

Zahnbürsten - Mehr als nur reine Körperhygiene

Das Leben ist wie italienische Zahnpasta.
Das sagt Carlos Fuentes in seinem Roman “Diana oder die einsame Jägerin“. Übrigens eines meiner Lieblingsbücher. Ich finde den Ausspruch treffend. Vielleicht auch sinnlos. Aber trotzdem treffend. Wenn das Leben wie italienische Zahnpasta ist, wie ist es dann? Vielleicht süss, vielleicht rosa oder weiss, vielleicht auch grün-weiss gestreift? Und dann vielleicht frisch, scharf, brennend? Vielleicht auch reinigend, wiederkehrend und alltäglich? Oder aber vielleicht billig?

Sowieso finde ich Zahnpasta und auch Zahnbürsten ein lustiges Phänomen. Vor allem in Beziehungen. Früher hatte ich einen regelrechten Zahnbürsten-Tick. Wenn ich eine Zahnbürste bei einem Mann zu Hause im Zahnbecher stehen hatte, hat das für mich eine ernste und feste Beziehung bedeutet. Ich habe mich jeweils lange geweigert eine “eigene” Zahnbürste dort zu haben. Ich habe meine von zu Hause mitgenommen und sie nie bei ihm gelassen. Mittlerweile hab ich’s nicht mehr so mit Symbolen. Sprich: Ich nehm alles ein bisschen leichter. Trotzdem ist es etwas spezielles, wenn ich eine Zahnbürste wo habe. Im Moment habe ich eine bei Eddie und eine bei Mr. Fox. Die eine ist grün und die andere pink. Und bei mir zu Hause – genauso wichtig – stehen sechs Zahnbürsten im Glas. Sie gehören Badana (pink), Mr. Fox (blau), Eddie (blau-grün), Häschen (grün-blau), Peter (grün) und mir (weiss).

Und wenn man dann an den Punkt kommt, wo man Abends mit versteinertem Gesicht im Bad steht und eine der Zahnbürsten durch die Finger dreht, sie lange ansieht und sie dann mit abgewandtem Blick in den Müll wirft, das Bad schnell verlässt, das Licht hastig löschend, dann ist das immer ein unglaublich trauriger Moment. Denn mit der Zahnbürste geht auch der Mensch. Mit der Zahnbürste hört ein Teil des Alltags auf. Mit der Zahnbürste verliert man ein Leben, eine Freundschaft, eine Liebe. Darum hab ich früher, wenn ich eine Beziehungskrise hatte, immer als erstes meine Zahnbürste bei ihm entfernt. Ich hab sie eingepackt und gehofft, dass diejenige, die übrig geblieben, einsam wirkt und lange Schatten gegen die Badezimmerfliesen wirft.

 

Nah am Sternenhimmel Januar 24, 2010

Abgelegt unter: Sonntag — hasenherz @ 7:42 pm

Höre mir gerade den Soundtrack von Karen O an zum Film “Where the Wilde Things Are” an. Schön! Das Bilderbuch das dem Film zu Grunde liegt “Wo die wilden Kerle wohnen” von Maurice Sendak war als Kind eines meiner Lieblingsbücher. Der Film ist übrigens auch sehr gelungen und wirklich sehenswert. So behutsam und liebevoll!

Dieses Wochenende war ich wieder in Romoos und hab eindeutig ein paar Kafi Chriesi zu viel getrunken. Es war ein unglaublich schöner Abend in Romoos. Mir gefällt es da sehr. Wir sassen am Stammtisch im Kreuz und haben viele nette Leute kennengelernt, sehr gute Gespräche geführt und diesmal hat uns Viktor morgens um 3 Uhr zu sich nach Hause zum Rösti essen eingeladen. Ganz erstaunt war ich, als ich festgestellt habe, dass man in Romoos nachts die Sterne sieht. Ich lacht? In der Stadt ist das leider alles andere als selbstverständlich.

“Der Körper kann ohne den Geist nicht bestehen, aber der Geist bedarf nicht des Körpers.” (Erasmus von Rotterdam)

 

Nothing left to loose Januar 17, 2010

Abgelegt unter: Sonntag — hasenherz @ 11:35 am

Meine Unschuld verlor ich zu “Me and Bobby McGee” von Janis Joplin. Gestern hab ich das Lied mal wieder gehört und da gibt es diese Songzeile: “Freedom’s just another word for nothing left to loose.”

Es ist schon so, dass Freiheit am spürbarsten ist, wenn man alles verliert oder aber verloren hat. Beziehungsweise ist Freiheit erst ein paar Monate nach dem Verlust spürbar. Dann, wenn man auftaucht aus der Dunkelheit und verwundert feststellt: Oh, ich bin am Leben! Das Freiheitsgefühl ist dann so stark, dass man sein wildes Herz zu den Sternen aufsteigen lassen möchte. Und wenn man dann endlich wieder gewinnt und reicher wird und reicher, dann wird man plötzlich von der Angst befallen, alles wieder zu verlieren und genau das fühlt sich dann nicht wie Freiheit an. Obwohl es doch eigentlich umgekehrt sein müsste, nicht wahr?
Ansonsten macht meine Psyche auf Zirkuspferd, mein Kopf auf Flusskiesel und mein Körper auf Schallschutzmauer.

 

Veilchen. Oder aber: Wir alle fallen. Januar 15, 2010

Abgelegt unter: Freitag — hasenherz @ 10:04 pm

Ophelia

Ophelia

so:

Es mögen Veilchen
aus Ophelia’s Körper spriessen
voller Würze,
nicht dauerhaft,
lieblich,
nicht beständig;
der Duft und das Gewähren einer Minute.
(aus Hamlet)

oder aber:

Die Blätter fallen, fallen wie
von weit, als welkten in den
Himmel ferne Gärten.
Sie fallen mit verneinender
Gebärde, und in den Nächten
fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die
Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da
fällt. Und sieh dir andre an:
Es ist in allen.
Und doch ist einer, welcher
dieses Fallen unendlich sanft
in seinen Händen hält.
(Rainer Maria Rilke)