Heute hat ein seltsames Gefühl von mir Besitz ergriffen. Es fühlt sich an, als ob was mit meinem Zuckerspiegel nicht in Ordnung ist. So ein bisschen schwächlich, schwindlig und neblig. Vielleicht liegts ja daran, dass Montag ist und dass ich mich ausgelaugt fühle und etwas festgefahren. Dabei war mein Wochenende sehr schön. Ich habe Alex kennengelernt (eine echt coole Frau, sie führt einen Erotik-Laden), bin mit roten Strümpfen, hohen Absätzen und einem schwarzen, kurzen Rock durch die Weltgeschichte spaziert, habe feinen Geburtstagskuchen gebacken bekommen und war an einem fantastischen Konzert von Lisa Ekdahl. Kein Grund zur Klage. Kein Grund für einen Schwächeanfall. Kein Grund für gar nix.
Aber vielleicht ist das alles ja ganz normal. Vielleicht fühlt es sich einfach so an, wenn Vergangenheit auf Zukunft trifft.
Nun schreite herab, titanischer Bursche,
Und wecke die vielgeliebte Schlummernde dir!
Schreite herab, und umgürte
Mit zartlichten Blüten das träumende Haupt.
Entzünde den bangenden Himmel mit
lodernder Fackel,
Daß die erblassenden Sterne tanzend ertönen
Und die fliegenden Schleier der Nacht
Aufflammend vergehen,
Daß die zyklopischen Wolken zerstieben,
In denen der Winter, der Erde entfliehend,
Noch heulend droht mit eisigen Schauern,
Und die himmlischen Fernen sich auftun in leuchtender Reinheit.
Und steigst dann, Herrlicher du, mit fliegenden Locken
Zur Erde herab, empfängt sie mit seligem Schweigen
Den brünstigen Freier, und in tiefen Schauern erbebend
Von deiner so wilden, sturmrasenden Umarmung,
Öffnet sie dir ihren heiligen Schoß.
Und es erfaßt die Trunkene süßeste Ahnung,
Wenn Blütenglühender du das keimende Leben
Ihr weckest, des hohe Vergangenheit
Höherer Zukunft sich zudrängt,
Das dir gleich ist, wie du dir selber gleichst,
Und deinem Willen ergeben, stets Bewegter,
Daß an ihr ein ewig Rätselvolles
In hoher Schönheit sich wieder künftig erneuert.
(Das Morgenlied von Georg Trakl)
Abschiede sind immer schwierig. Heute ist der letzte Arbeitstag von Zoé. Genauer: der letzte Arbeitstag den Zoé und ich gemeinsam haben. Und auch ich werde nicht mehr lange arbeiten, wo ich gerade arbeite. Manchmal stimmt mich das traurig. Denn ich mach die Arbeit gern und ich liebe das Team. Es wird mich schwer fallen, hier wegzugehen. Andererseits freue ich mich auf mein Leben ab Dezember. Ich freue mich auf die Freiheit, auf die Abenteuer, auf die Zeit. Das erste Mal im Leben gebe ich mir Raum um zu tun, was mir gerade einfällt. Viel zu lange habe ich gewartet. Natürlich. Ich habe auch Angst. Was fängt man mit Freiheit an? Wohin streben die Gedanken, wenn man Zeit hat sich Gedanken zu machen? Was tut man mit seinen unruhigen Händen, wenn man nicht tausend Sachen gleichzeitig erledigen muss? Wie fülle ich den Raum, der momentan leer ist – nur ein paar Staubknäuel enthält? Vielleicht schliesse ich zuerst die Fenster, vielleicht lege ich Kissen aus, vielleicht zünde ich eine Kerze an, vielleicht male ich ein Bild und hänge es an die leere, weisse Wand. Vielleicht lade ich Freunde ein und spiele mit ihnen – auf dem Fussboden sitzend – das Flaschenspiel. Vielleicht lache ich und vielleicht weine ich auch einbisschen. Ganz sicher aber werde ich endlich mal wieder atmen. Richtig tief einatmen.


