Wenn man Ferien hat, bekommt man irgendwann ein riesiges Durcheinander mit den Wochentagen. Ist heute wirklich Mittwoch? Ich hab keine Ahnung…
Zum Glück hat mich Izzie heute rausgerissen und zum Joggen geschleppt. Sonst wär ich wohl mit einem alten Ruderboot auf den See hinaus gefahren, hätte die Ruder ins Wasser fallen lassen, ihnen gedankenverloren zugeblickt, wie sie davon treiben, hätte mich auf den Rücken gelegt, die Regentropfen gezählt, die auf meinen Mund fallen, hätte sowas gedacht wie „vom Regen geküsst“, hätte dann innerlich den Kopf geschüttelt ab so viel kitschigen Gedanken und hätte dann meinen Körper in den See fallen lassen.
Faszinierend an der ganzen Sache finde ich, dass man, gerade wenn man sehr glücklich ist, die Verletzungen und Abgründe umso mehr fühlt. Vielleicht ja, weil der Unterschied dann grösser ist. Man fühlt sozusagen die Fugen, die Täler. Oder aber man ist – gerade wenn man entspannt ist – viel eher bereit für Sachen, die man schön verpackt versorgt hat und die genau dann im entspannten Zustand *plopp* wieder auftauchen oder einem sogar sozusagen ins Gesicht rein knallen. Find ich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht fair. Find ich sogar recht beschissen. Ich hab doch Ferien! Besten Dank.
Schwarzes Herz vom Regen geküsst Dezember 30, 2009
Hopsi Weiher hat kein Hasenschwänzchen hinten Dezember 28, 2009
Badana und ich haben heute in unserer zweiten Heimat ein lustiges Spiel gemacht. Wir haben unsere jeweiligen Porno-Namen ermittelt. Das geht folgendermassen: Man nehme den Namen des ersten Haustieres und den Namen der ersten Strasse an der man gewohnt hat und schon hat man seinen Pornonamen. Badana hatte einen Wellensittich der Lisa hiess. Zusammen mit ihrer ersten Strasse ergibt das „Lisa la Rose“. Ich wäre demnach „Hopsi Weiher“ und Fäbu, mein Mitbewohner, der auch noch auf ein Bier in die zweite Heimat kam, ist „Rambo auf der Stehwiese“. Wir haben uns gekringelt vor Lachen. Und natürlich auch gleich lustige Filmtitel erfunden. Sowas wie „Hopsi Weiher hat kein Hasenschwänzchen hinten“. Oder aber „Lisa la Rose und die Rammelzwerge“.
Ganz in diesem Sinne: Guten Nacht!
Die Zeit vertreiben Dezember 26, 2009
Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigt nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem?
(…)
Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.
(Rainer Maria Rilke: Berg am Irchel, Ende November 1920)
Ist dieser Satz nicht einfach wunderschön? Dieser hier: „Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit.“
Ja, ich lese noch immer Rilke. Ist sozusagen meine Rilke-Phase. Warum auch nicht? Passt doch irgendwie…
In Prag hab ich folgendes aufgeschrieben:
Tyrannin Zeit, sei mir wohlgesinnt. Sei mir Königin und Gefährtin. Weis mich nicht fort, schliess mich ein. Ummantle mich, sei mir Freund und Liebhaberin. Tyrannin Zeit, ich biete mich dir an. Mein Wissen lege ich in deine erbarmungslosen Arme.
Gestern an unserer Familienweihnacht habe ich erfahren, dass ich ein ausgelaufenes Pillenrezept bin. Und meinem Cousin geht es nicht besser. Er ist ein geplatztes Kondom. Wir haben nun eine Selbsthilfegruppe gegründet und machen Gruppenreisen nach Amsterdam oder nach Las Vegas. Wer sich uns anschliessen will, ist herzlich willkommen!
Nightmare before Christmas Dezember 24, 2009
Als ich heute morgen um 7 Uhr an der Bahnhofstrasse in einem Café sass und auf
Weihnachtseinräumhilfekollege Dani wartete, dachte ich über den Traum nach, den ich gestern am Nachmittag gehabt habe (ich habe in den letzten Tagen ja immer nachmittags schlafen müssen. Sprich: 5 Stunden in der Nacht, 2 Stunden am Nachmittag). Mir träumte, dass ich in einem Lastwagen auf der Hardbrücke unterwegs war. Ich war Beifahrerin und der Lastwagenfahrer ein seltsam hagerer und wortkarger Mann. Wir waren also auf der Brücke unterwegs und als der Lastwagenfahrer ein Auto überholen wollte, wurden wir abgedrängt, der Lastwagen überschlug sich und während er sich überschlug, dachte ich darüber nach, ob nun zuerst mein Kopf oder meine Beine zerquetscht würden. Es waren meine Beine. Der Moment dauerte ewig und mir war plötzlich klar, dass ich gewusst hatte, dass dies passieren würde. Als hätte ich schon Monate bang auf diesen Augenblick gewartet. Speziell an diesem Traum war, neben dem, dass ich darin starb, dass es unheimlich laut war. Der Lärm war ohrenbetäubend. Und als ich erwachte im Wissen darum, dass ich soeben gestorben war, hatte ich Ohrensausen von dem Lärm. Ich erinnere mich nicht daran, jemals einen so lauten Traum gehabt zu haben.
Zum Glück kam Dani und brachte mir Zigaretten und heiterte mich mit seiner Sympathie und Offenheit auf. Ich wünsche euch von Herzen schöne Weihnachten!
Ich glaube an Nächte Dezember 22, 2009
Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiss.
Aber die Dunkelheit hält alles in sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte -
Und es kann sein: eine grosse Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.
Ich glaube an Nächte.
Nachts zu arbeiten ist anstrengend. Und auf die Dauer sicher nervig. Doch für eine kurze Zeit, so wie ich das gerade mache, hat es etwas wunderbares. Gestern Abend sind Dani (Dani ist mein Weihnachtseinräumhilfeteamkollege) und ich in den obersten Stock der Buchhandlung gefahren, um Kisten zu verteilen, die wir zuvor vergessen hatten. Es war stockdunkel. Wir haben uns den Weg mit dem Handy geleuchtet. Und fanden die Religion (oder waren es die Finanzen?) erst beim dritten Mal vorbeigehen. Die Stimmung bei Nacht in einem so grossen Laden ist irgendwie befremdend. Aber nicht nur das. Auch herausfordernd und abenteuerlich.
Mein Weihnachtseinräumhilfeteam ist richtig toll. Es macht Spass mit den Dreien zu arbeiten.
Heute habe ich beim Durchsuchen meines eigenen Bücherregals – ich war auf der Suche nach einem Buch für Dani, das er gerne ausleihen möchte, bemerkt, dass ich unglaublich viele Gedichtbände von Rilke besitze. Und jetz lese ich in einem dieser Gedichtbände und merke, dass ich es mag. Ausserdem hab ich „Mein Herz so weiss“ von Javier Marias wiederentdeckt. Nur schon die ersten zwei Seiten sind einfach Wahnsinn. „My hands are of your colour; but I shame / To wear a heart so white.“ (Shakespeare)
Wo sich Mr. Fox und Häschen gute Nacht sagen Dezember 19, 2009
Wer mich einbisschen kennt, weiss, dass ich es liebe den Menschen, die ich mag seltsame Spitznamen zu geben. Lustigerweise heissen zwei meiner sehr guten Freunde „Häschen“ und „Mr. Fox“. Gestern Nacht bekam ich also ne SMS in der unter anderem stand: „Hase und Fox waren noch bei mir.“ Das fand ich sehr lustig. Die Reduktion der Spitznamen auf das Wesentliche. Leider, leider konnte ich gestern Abend nicht da sein. Da, wo Häschen und Mr. Fox waren. Weil ich nämlich 10 Tage lang jeden Morgen und jede Nacht in einer grossen Buchhandlung in Zürich die Regale einräume. Sowas nennt sich „Weihnachts-Einräumhilfe“. Wir sind also dann im Laden, wenn es keine Kunden hat. Diese Schichtarbeit reduziert meine Nacht auf ca. 4 Stunden, was meinem Teint nicht gerade gut tut. Und leider gehöre ich zu den aufgeweckten Menschen, die sich die Tage – sozusagen die überlange Zimmerstunde – total zuverplanen, sodass schlafen während des Tages auch nicht in Frage kommt. Ihr seht. Aufgrund des Schlafmankos bleiben mir noch geschätzte vier Hirnzellen zum Denken. Der Rest hat das Zeitliche gesegnet…
Ich wäre also gerne da gewesen, wo Häschen und Mr. Fox waren. Unglaublich gerne. Und zwar nicht nur wegen dem Ort, wo sie waren. Es ist nämlich so, dass ich die Gesellschaft von Häschen und Mr. Fox wahnsinnig mag. Ich freue mich jedesmal wie ein kleines Kind auf ein Treffen. Diese verlaufen dann auch dementsprechend lustig und heiter und schön. Ich freue mich auf nächste Woche. Da werden mich Häschen, Mr. Fox und Eddie mitten in der Nacht von der Schichtarbeit abholen. Und dann gibts Freinacht! Haha!
PS: Ich räume seit 4 Tagen Klassiker ein. Und wundere mich sehr darüber, wie gut „Ein grüner Junge“ von Dostojewskij läuft. Jeden Tag räume ich dieses Buch stapelweise ein. Und dabei ist „Ein grüner Junge“ nicht gerade das einfachste Werk von Dostojewskij. Im Gegenteil.
Glück am Ende Dezember 15, 2009
Demokrit sagt: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“ Ich glaube, dass er damit nicht mal so unrecht hat. Dieses blöde 2009-Jahr hat für mich ja unglaublich beschissen angefangen. Und irgendwann hab ich mich für den mutigen Weg entschieden. Loslassen, gehen und immer schön beweglich bleiben. Das war oft sehr niederschmetternd und ich hatte auch immer mal wieder Angst. Und jetzt, da das Jahr bald zu Ende geht, hat sich mein Mut bezahlt gemacht. Noch immer bin ich sehr fasziniert und auch etwas ungläubig. So stehe ich also hier, am Ende eines viel zu anstrengenden Jahres und bin glücklich.
„Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“
Das ist ein Zitat von Erasmus von Rotterdam. Und auch das würd ich glatt unterschreiben. Sogehtdas.
Der petersche Rausch Dezember 13, 2009
Ächz. Was für ein Abend gestern. Mal wieder. Zuerst nach Wil und einem alten Freund einen Besuch abgestattet. Das war sehr schön und sehr warm. Ich habe mich unendlich wohl gefühlt. Dann weiter nach St. Gallen an die berüchtigte Chlausenfete. Da sind wir also im Schnee rumgestapft und wurden gezwungen Lieder zu singen. Der verschneite Wald hat mich zum Staunen gebracht. Gerade eben war doch noch Sommer! Und jetzt dieser Schnee, der sich über alles legt. Der wattiert und unempfindlich macht und den Lärm aufnimmt wie ein grosser Müllschlucker. Danach dann Party an der Wärme und ich mit tausend Flausen im Kopf. Manchmal ist man sich selbst so sehr ausgeliefert. Man ist machtlos gegen sich und wirft alle guten Vorsätze über Bord. Peter – unser Lehrer – hat am Freitagabend gesagt, als wir in der heimeligen Küche sassen und von Elisabeth mit Knödel verwöhnt wurden, dass man in unserer Zeit doch ab und zu einen Rausch brauche. Dass man ohne Rausch gar nicht auskomme und dass er das sehr gesund finde. So habe ich gestern Abend also den peterschen Rausch genossen. Und wie immer nach einem peterschen Rausch, der diesen Namen wirklich verdient, erwacht man am Morgen danach ernüchtert und verkatert und auch ein bisschen traurig über die Vergänglichkeit. Nun aber fasse ich mir ein Herz.
Kurzgeschichte – Erster Teil Dezember 12, 2009
Sie hatte sich auf die nasse Bank an der Bushaltestelle gesetzt. Die Nässe würde hässliche Flecken auf ihren hellen Jeans hinterlassen – aber das war ihr egal. Sie musste nachdenken. Und das gelang ihr schon immer besser im Sitzen. Sie kramte eine Zigarette aus ihrer Handtasche und suchte Feuer. Kein Feuer. Gut. Also nicht rauchen. Schade. Aber vielleicht gar nicht schlecht. Rauchen sei ja schlecht für die Gesundheit und für die Mitmenschen. Obwohl diese diesmal nicht geschädigt würden, die Bushaltestelle war nämlich leer. Es war kurz vor Mitternacht und die Gegend nicht gerade das Vergnügungsviertel der Stadt.
Sie sah ihn nicht kommen, zu sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt. Er setzte sich neben sie auf die nasse Bank und grinste sie so umwerfend an, dass sie ganz vergass, unfreundlich zu sein. Dieser Abend sollte eigentlich nur ihr gehören, ihr und ihrer Weggabelung im Kopf. Sie konnte ja nicht länger an ihrer Kopfkreuzung rumstehen, das war langsam peinlich, sie stand da schon seit Wochen und hatte das „Darübernachdenken“ bis jetzt erfolgreich vermeiden können. Er bot ihr eine Zigarette an und auch Feuer und sie konnte nicht widerstehen. Natürlich nicht. Sie hätte auch nicht ernsthaft widerstehen wollen, vielleicht geziert hätte sie sich gern. Sie schaute ihn von der Seite an und nickte höflich, blies den Rauch hinaus in die Kälte. Sie blickte auf ihre Hände und stellte fest, dass man an ihren Händen das Alter sah. Es schlich sich langsam an und manifestierte sich auf ihren Handrücken. Sie benutze ungern Handcreme. Der Bus kam und weder sie noch er machten Anstalten einzusteigen. Sie blieben auf der nassen Bank sitzen. Leise und ganz für sich lachte sie sehr und dachte darüber nach, dass Entscheidungen manchmal ganz simpel sind. Einfach sitzen bleiben. Einfach nicht aufstehen. Einfach da sein und eben nicht dort.
(Fortsetzung folgt…)

