Tod durch Buecher – Hasenherz' Blog

Warum Worte Leben retten – oder auch nicht

Neues Jahr, neues Spiel, neues Glück 31. Dezember 2011

Einsortiert unter: Samstag — hasenherz @ 10:50

Wir sind am Jahresende angekommen. Es war ein seltsames Jahr, dieses 2011. Einerseits sehr glücklich, lustig und leicht. Andererseits aber auch sehr neblig, zäh und undurchdringlich. Das vermaledeite zukünftige 2012 dagegen wird prächtig. (Badana sagt, ich dürfe nur sehr leise über 2012 fluchen.)

Und weil wir am Jahresende angekommen sind und mein Leben sowieso gerade einer Partie russisch Roulette gleicht, befragen wir diverse Wahrsagerdinge – kann ja nicht schaden.

  • Das Buch der Antworten sagt auf die Frage, ob 2012 gut wird: “Du wirst den Beweis dafür bald sehen.”
  • Das Zitate-Spiel sagt: “Idealzustände können nicht länger dauern – als drei mal vierundzwanzig Stunden.” (Theodor Fontane)
  • Die Demeroticonkarte zu 2012 ist “Das jüngste Gericht”: Blicke zurück auf das, was Dich bis heute und hierher gebracht hat, und prüfe es hart.
  • Die Tarotkarte: Die Herrscherin: Quelle des Seins.
  • Irgendsoneandereseltsame-Wahrsagerkarte:  ”Die Hoch-Zeit”. (Mit dem Hinweis aber, dass ich mich nicht verstecken dürfe. Nun denn.)
  • Und zum Schluss noch das Jahreshoroskop: “Waage-Geborene werden 2012 oft selbst überrascht von ihrer Sensibilität und ihren fast hellseherischen Fähigkeiten. Bis August haben sie das Gefühl, irgendwie fast wie im Traum durchs Leben zu gehen, bzw. geführt zu werden. Gründe dafür können sowohl ihre perfekten Verdrängungskünste in Bezug auf Lästiges bis Belastendes sein, als auch ihre Neigung in schwärmerische Verliebtheit zu verfallen oder aber das süchtig machende Begehren eines feinfühligen, etwas schüchternen Verehrers. Ab September klopft dann das grosse Glück an die Tür: ein Traum wird wahr, eine Sehnsucht gestillt, ein Wunsch erfüllt. Diese schöne Phase dauert noch lange (über 2012 hinaus) an und Waagen können – wenn sie sich im Oktober eine Entscheidung richtig fällen – lange Zeit beruhigt ihr Glück geniessen.”

Klingt ja alles mal gar nicht so übel. Somit verabschiede ich mich für dieses Jahr und danke euch herzlich für die Begleitung und den Zuspruch. Auf ein neues Jahr! Neues Spiel, neues Glück und so.

 

Federding 26. Dezember 2011

Einsortiert unter: Montag — hasenherz @ 18:12

Emily Dickinson:

Die Hoffnung ist das Federding

Die Hoffnung ist das Federding,
das in der Seel’ sich birgt
und Weisen ohne Worte singt
und niemals müde wird.

Am süß’ten klingt es in den Bö’n -
und schlimm der Sturm der kränkt
und Schaden bringt dem Vögelchen,
das soviel Wärme schenkt.

Ich hab’s auf fremd’ster See gehört
und auf der kält’sten Flur;
doch nie hat’s in Gefahr begehrt
von mir ein Körnchen nur.

 

Emily Dickinson:

Hope is the thing with feathers

Hope is the thing with feathers
That perches in the soul,
And sings the tune without the words,
And never stops at all,

And sweetest in the gale is heard;
And sore must be the storm
That could abash the little bird
That kept so many warm.

I ’ve heard it in the chillest land,
And on the strangest sea;
Yet, never, in extremity,
It asked a crumb of me.

 

Frohe Weihnachten! 24. Dezember 2011

Einsortiert unter: Samstag — hasenherz @ 09:44

Heute ist Weihnachten und ich hab noch überhaupt kein Weihnachtsgefühl. Ich hab’s heute Morgen mal mit Kerzen versucht – aber das hat nicht geholfen. Vielleicht war ich in den letzten Tagen (und Nächten) einfach ein Bisschen zu wild. Zu wild, zu ausufernd, zu sehr getrennt von mir.

Statt Hasenherz unter dem Tannenbaum, hier Hasenherz mit Karotte:

Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten!

 

 

Was zu uns kommt 18. Dezember 2011

Einsortiert unter: Sonntag — hasenherz @ 21:52

“So ist das Leben und so muss man es nehmen: tapfer, unverzagt und lächelnd, trotz allem.” (Rosa Luxemburg)

Es ist Sonntagabend, ich höre “Video Games” von Lana del Rey und sitze (wie könnte es anders sein) im Zug. Ich habe Ferien. Das ist gut. Viel zu lange hab ich keine mehr gehabt. Ich freue mich und bin auch etwas bang. Hier riecht es ein Bisschen nach Sellerie. Ich mag den Geruch von Sellerie nicht besonders. Viel lieber mag ich den Geruch von Tiefgaragen, Zermatt oder von tiefer Nacht.

Und ich bin glücklich. Was für ein nerviges, schwieriges und großartiges Jahr das war. Ich blicke auf meine Hände und betrachte meine Fingernägel, die sich tiefrot in der Fensterscheibe spiegeln. Wie Blut, denke ich. Heute ist ein Tag an dem fremde Menschen viel zu nah an mir vorbeigehen. So, dass ich, vorhin auf dem Bahnsteig, immer einen Schritt zurück machen musste. Als ob sie überprüfen wollten, ob ich die bin, die nach Sellerie riecht. Ich rieche an meinem Pulli und bin mir nicht sicher.

Gerade hab ich Aarau passiert und der Elvetino-Mann riecht nach Nägeli. Nun denn. Besser als… Du weißt schon. Letzte Woche hatte ich ein Zwiegespräch mit meinem Herzen. Ich hab es angehalten zu schweigen und ihm versprochen, dass es später, dann wenn ich Ferien hätte, sprechen dürfe. Und jetzt, da ich Zeit habe und nichts gegen eine Auseinandersetzung hätte, schweigt es. Mehr noch: es ist alles gesagt. Wie schnell sich Dinge verändern können! Ich staune immer wieder.

“Das Abenteuer ist etwas, das seinem Wesen nach zu uns kommt, etwas, was uns wählt und nicht erst gewählt wird.” (G. K. Chesterton)

 

It’s you and me again 13. Dezember 2011

Einsortiert unter: Dienstag — hasenherz @ 13:47

“Es bringt nichts, das Leben zu bereuen, das man nicht geführt hat.”

Wenn wir also ein Leben führen, das sich zettelt, verbirgt unter bemoosten Steinen, dann mit Demut. Kinder, ich könnte euch Geschichten erzählen! Tu ich aber nicht. Manche Dinge brauchen einfach kein Licht. Zeko zum Beispiel betrachtet die Inexistenz der Graustufen als eine Art Paradies. Darin kann ich ihm folgen. In diesem Paradies also würden eben diese Dinge vollständig im Schatten liegen. Verborgen, zugedeckt von tiefstem Schwarz. Ein Schwarz so schwarz, dass es unser Denken übersteigt. Im echten Leben aber, sind diese Dinge dunkelgrau. Schimmernd im Licht- und Schattenspiel.

“Hello, Hello, it’s you and me again,
How can we pretend we’ve never met? “
(Nicht ganz richtig zitiert – das ist dann wohl künstlerische Freiheit.)

Wenn ich einen Wunsch frei hätte (dafür würde ich auch den Drachen töten), würde ich mir wünschen in einer Wiese in der Nähe eines Waldrands zu liegen. Es wäre Sommer aber nicht zu heiss. Die Wiese würde irgendwo in den Bergen liegen, die Aussicht wäre atemberaubend. Meine Liebsten wären bei mir und ich würde bei geschlossenen Augen ihrem Lachen und Scherzen lauschen. Seine Hand würde leise über meine Haare streichen – ich würde ihn an seinem Geruch (der übrigens nach schwarzer Nacht riecht – ein lustiges Detail) erkennen. Ich würde lächeln. Und dann schlafen. Lange und tief und ruhig.

“And even though I don’t invite you,
And your presence is a pain,
You always let me be just who I am,
Until I’m glad to bring back that refrain again.”

 

Ich werde winken 6. Dezember 2011

Einsortiert unter: Dienstag — hasenherz @ 21:58

Gestern schenkte mir Zeko eine Büchse mit Zitaten drin – für ein ganzes Jahr, jeden Tag eines. Gestern förderte die Büchse folgendes Zitat für mich zu Tage: “Irgendwann erfindet jeder Mensch eine Geschichte die er sein Leben nennt.” (Mark Twain) Ich fand das sehr passend und zudem ein sehr schönes Zitat. So habe auch ich meine Geschichte erfunden und schmücke sie jedes Mal aufs Neue aus. Langeweile gebiert eben die farbigsten Tiere.

Heute dieses: “Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen.” (Theodor Fontane)

In diesem Sinne: Tschüssikowski.

 

Tiger, Tiger 5. Dezember 2011

Einsortiert unter: Montag — hasenherz @ 11:42

Es gibt da ein Gedicht von William Blake, das mir am Wochenende ins Ohr geflüstert wurde: “Tiger, Tiger, Feuerspracht… In welch’ Himmeln ungeheuer brannte Deiner Augen Feuer? …”

Müsste man den Montag in einem Bild ausdrücken...

Müsste man den Montag in einem Bild ausdrücken...

Ich habe mich im Nebel auf der Rigi verloren (er stand so dicht, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sah), trank fruchtigen Wein (als wär es Sommer und ein Feuerstreifen am Horizont), rannte mir die Seele aus dem Leib (mit Blick auf den See – als wären meine Augen und die Wasseroberfläche mit Fixkleber aneinander gemacht). Und im Ohr: “Tiger, Tiger…” Wenn ich all die Herzen in meiner Brust zählen müsste, wär ich verloren.
Montage eignen sich einfach nicht fürs Leben. Sie sind total ungeeignet, um einigermassen klar zu denken. Der Montag und ich sind einfach keine Freunde. Der Montag ist wie zwei Katzenaugen im Dunkeln. Lauernd. Beobachtend. Und verheisst nichts Gutes.

Tiger, Tiger, Feuerspracht
in der Dschungeln dunkler Nacht:
Welches Aug’, welch’ ew’ge Hand
formten Deiner Schrecken Brand?

In welch’ Himmeln ungeheuer
brannte Deiner Augen Feuer?
Wessen Flügel, wessen Hand
wagte sich an diesen Brand?

Welcher Schulter Können wand
Deines Herzens Sehnenstrang?
Wer, als Herzens Schlag begann,
furchtbar Hand und Fuß ersann?

Welche Kett’ und Hammer fand
in welch’ Esse den Verstand?
Welcher Amboß, welche Welt
Deine Todesschrecken hält?

Als der Sterne Speer herab
Tränen unserm Himmel gab:
Hat vollbracht er’s und bedacht,
daß er Lamm und Dich gemacht?

Tiger, Tiger, Feuerspracht
in der Dschungeln dunkler Nacht:
Welches Auge, welche Hand
wagten Deines Schreckens Brand?

(Der Tiger von William Blake)

 

Liebe Esmeralda 2. Dezember 2011

Einsortiert unter: Freitag — hasenherz @ 15:02

Heute Morgen traf ich die kleine Esmeralda im Zug. Esmeralda war eine meiner Schützlinge in der Kinderkrippe, wo ich mal ein Praktikum gemacht habe. Mir wurde vor Augen geführt, wie viel Zeit seit damals vergangen ist, denn Esmeralda ist jetzt ca. 14 Jahre alt. Erkannt habe ich Esmeralda nur, weil ihre Mutter bei ihr war. Ich habe nicht mit Esmeralda gesprochen – nur mit ihrer Mutter. Trotzdem schreibe ich ihr einen offenen Brief:

Liebe Esmeralda
Mit vierzehn Jahren erwachte bei mir ein Bewusstsein, das man wohl – jetzt mit Distanz betrachtet – als Übertritt ins Erwachsenenalter bezeichnen könnte. An das Jahr, als ich vierzehn Jahre alt war, kann ich mich gut erinnern. Ans Jahr vorher fast nicht. In mir erwachte in politisches und gesellschaftliches Bewusstsein, ich schärfte meine Meinung und denke mal, dass diese damals erlangte noch immer Gültigkeit hat. Aber auch erwachte in mir die Sehnsucht, die Wünsche und Ziele, die nach wie vor Teil meiner selbst sind. Manchmal, wenn ich zurückdenke an mein gelebtes Leben, dann überkommt mich Wehmut. Nicht, weil ich Dinge bereue oder lieber anders gemacht hätte, nein. Es überkommt mich Wehmut, weil ich viele Momente und Zeiten gerne noch einmal leben würde. Jetzt, da ich etwas Erfahrung habe, weiss ich, dass ich viele Augenblicke nicht geniessen konnte, weil ich mit mir selbst unzufrieden war. Heute weiss ich, dass ich eigentlich keinen Grund hatte, mit mir nicht im Reinen zu sein. Wie schnell man ein verzerrtes Bild von sich selbst hat! Wie schnell man sich hassen lernt! Und wie lange es dauert, bis man sich einigermassen mag.

Liebe Esmeralda, lass dir gesagt sein: Trete hinaus in die Welt, frohen Mutes, sei zuversichtlich, betrachte dich mit Wohlwollen, begegne Menschen mit Vorsicht aber auch mit Offenheit. Sei neugierig! Drehe jeden Stein um. Öffne den Blick und schau ab und zu zum Himmel auf. (Den Himmel betrachten macht glücklich.) Sei gewahr: Wir liegen alle in der Gosse. Manche aber, blicken zu den Sternen auf. Hast du Wünsche, Ziele? Lass dich nicht davon abbringen. Nicht jeder wird Astronaut. (Aber vielleicht ein Schauspieler, der Astronauten spielt.)  Und vor allem: Beweg dich! Tanze. Renne. Sei ausser Atem. Denn dein Körper ist ein wichtiges Gut. Verlieb dich. Immer wieder. Lass dich nicht von den Schmerzen davon abbringen. (Und die Schmerzen – ich mach dir da nichts vor – können tödlich sein.) Küsse! Jeden Tag einmal – mindestens. (Menschen die viel küssen, leben gesund.) Spring nackt in den See und lerne. Vergrössere dein Wissen. Lies. Geh hinaus und trinke und rauche und reise im Kopf. Sei wild und ungezügelt. Sei diszipliniert was deine Ziele anbelangt. Hab Spass und sei gerecht. Sei stark – lass dir aber die Stärke nie ansehen!

Liebe Esmeralda, es gab einen Augenblick in meinem Leben, wo ich plötzlich befreit war von all meinen Ängsten und Vorurteilen gegenüber mir selbst. Er kam ziemlich spät in meinem Leben, aber er kam. Das war vor fast genau einem Jahr, im Dezember. Ich sass – früh am Morgen – in einem Hotelzimmer in einer Schweizer Stadt und blickte auf die verschneiten Bäume. Es war warm im Zimmer und die Kälte draussen, liess mich die Wärme noch deutlicher fühlen. Ich hatte mir das Frühstück aufs Zimmer kommen lassen, trank Kaffee und schminkte mich. Im Fernsehen lief die Liveübertragung von „Jeder Rappen zählt“, ein angenehm belangloses Hintergrundgeräusch. Die Nacht hatte ich mit einem Mann verbracht, den ich nicht kannte, den ich sozusagen aufgelesen hatte, der aber eine sehr angenehme Gesellschaft war. (Und den ich nie wieder sah.)  Ich hatte kaum geschlafen, erst um fünf Uhr morgens, als er mich verliess, schlief ich zwei traumlose Stunden. Ich sass also da, hing den Erinnerungen an die vergangene Nacht nach und wusste plötzlich, dass alles so, wie es ist, eigentlich ziemlich ok ist. Dass es keinen Grund für Klagen, für ein Zerwürfnis mit mir selbst oder Hass gab. Ich war und bin mit mir zufrieden. Natürlich. Es gibt viele Dinge, die ich ändern will. Die ich lernen will. Ich hab Ziele, die ich erreichen möchte. Ich möchte mehr – das ist nicht alles. Aber – und das ist der gewaltige Unterschied – es ist ok, wie ich bin. Ich bin fröhlich und stark. (Mein Vertrauenskollege würde jetzt lächeln.) Ich bin manchmal seltsam schön und sexy. Ich bin spannend und gesegnet mit Kreativität. Ich bin klug und herzlich. Und ich habe viele Fehler. Und das ist gut.

Liebe Esmeralda. Lass dich nicht unterkriegen. Die Welt liegt dir zu Füssen und tritt dich ab und zu mit selbigen. Sei gelassen. Alles wird gut.

 

 
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