Tod durch Buecher – Hasenherz' Blog

Warum Worte Leben retten – oder auch nicht

Es ist besser auszubrennen, als langsam zu verblassen. 26. Februar 2012

Einsortiert unter: Sonntag — hasenherz @ 16:00

(Obiges Zitat ist übrigens von Cobain.) Fauler Sonntag. Wäsche zusammenlegen, dabei ein Hollywood-Film schauen, Kaffee trinken (literweise) und versuchen nicht nachzudenken. Fauler Sonntag.

Gestern hab ich von ElfElf den Kopf gewaschen bekommen, die wiederrum von mir die Leviten gelesen bekam. Die Party, an der wir waren, war die schrecklichste seit langem und dennoch hab ich mehr gelacht als sonst.
Zudem bin ich stolz auf mich. Es gibt doch diese Muster: Man begeht in gewissen Situationen immer die selben Fehler. Klar, die Situationen sind mal so und mal so und man erkennt sie nicht gleich, als die “gemusterten”. Und dann plötzlich, kurz bevor es zu spät ist, taucht das Muster aus dem Dunkel auf. Päng. Und dann weiss man: Entweder ziehe ich die Notbremse genau jetzt oder ich bin verloren. Gemein ist natürlich, dass man die Notbremse so überhaupt nicht ziehen will, weil man (einem Süchtigen gleich) unglaublich gerne würde weitermachen wollen. Man belügt sich und macht sich etwas vor und denkt: “Ach, was. Is doch alles ganz harmlos.” Ist es natürlich nicht. Ganz und gar nicht. Ich hab sie also gezogen, die Notbremse. Ist mir gar nicht leicht gefallen. Aber ich kenne mich. Langsam aber sicher kenne ich mich. Und du musst wissen, dass ich ziemlich gewitzt sein kann. Ich kenne viele Tricks und jede Geheimtür. Damit ist aber Schluss. Jetzt leide ich einige Zeit und muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass der Fehler, den ich unweigerlich begangen hätte, ein grosser gewesen wäre. Einer, der mich viel hätte kosten können. Die andere Stimme ist laut, wohl war. Die, die sagt: Wer weiss, vielleicht wäre es kein Fehler. Vielleicht wäre es sogar extrem gut. Vielleicht wäre es genau richtig. Und dann denke ich weiter und weiter und weiss, dass es genau richtig ist, wie ich es gemacht habe. Das erste Mal. Das erste Mal lasse ich mich nicht treiben. (Und wer mich kennt, weiss, dass das Gewalt gleich kommt.) Schlussendlich kann ich nur mir selbst etwas vorwerfen. Man wird immer nur so behandelt, wie man es zulässt.

Gestern hab ich mit einem Clown (und es war wirklich einer) ein seltsames Gespräch geführt. Er sagte: “Tatsache ist, dass man zwar mit dem Herzen “ja” und “nein” sagen kann. Mit dem Willen hingegen kann man nur “nein” sagen, niemals “ja”.”

Nun also lass ich den faulen Sonntag, fauler Sonntag sein, gehe ab unter die Dusche, brezle mich auf und dann geht’s raus ins nächste Abenteuer. Eine neue Linie, die sich über meinen Körper zieht. Auf dass die alten verblassen mögen.

“Tue soviel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie nur möglich darüber.”
(Charles Dickens)

 

Kein Reiter wird’s erjagen 21. Februar 2012

Einsortiert unter: Dienstag — hasenherz @ 10:56
Warum bin ich so fröhlich?

Warum bin ich so fröhlich?

“Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen, es ist nicht dort und ist nicht hier. Lern überwinden, lern entsagen, und ungeahnt erblüht es dir.” (Theodor Fontane)

Kennst du das? Du stehst am Morgen auf, es ist ein ganz normaler Dienstag in einem ganz normalen Monat. Das Licht ist ein Bisschen heller als auch schon und das freut dich. Du stehst also auf, nur ein klein wenig leichter als sonst und freust dich ganz, ganz wenig auf den ersten Kaffee. Etwas leichtfüssiger und fröhlicher als an den Tagen zuvor machst du dich auf den Weg zur Arbeit. Dort fragt dich jemand wie es dir geht. Du sagst – halb im Scherz – so etwas wie: “Es geht mir gut, danke. Mir geht es immer gut, wenn ich arbeiten darf.” Das Gegenüber sagt “oh!”. Du merkst, dass das sehr absurd, aber auch irgendwie sehr ernsthaft geklungen hat. Dann – im Laufe des Vormittags – sagen dir die Kollegen Sachen wie “Ah, Sabine sieht heute auch wieder gut aus. Das kann nur ein guter Tag werden.” oder “Heute in blau?” oder aber “Du leuchtest so! Bist du verliebt?” Du bist erstaunt, denn du bist nicht verliebt.*** Dann siehst du den Zettel an deiner Bürotüre, der jemand dahin geklebt hat. Darauf steht in grosser Schrift: “Lachen!” Du lächelst. Draussen scheint unverhofft die Sonne und du blinzelst ins Licht bei einer Zigarette. Dann kaufst du dir in der Pause endlich neue Kopfhörer – du hattest deine im Fitnesscenter liegen gelassen. Du hörst ein Lied, von dem du keine Ahnung hattest, dass du es in deiner Musiksammlung hast. Das Lied ist seltsam, aber macht dich irgendwie froh. Und während du sitzt und dich freust, merkst du plötzlich, dass du glücklich bist. Seit langem das erste Mal so richtig grundlos scheiss-glücklich. Du schüttelst den Kopf und grinst das breiteste Grinsen des noch frischen Jahres.

Chumm, mir wei…

***“Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.” (Benjamin Franklin)

 

Knarren und Klemmen 17. Februar 2012

Einsortiert unter: Freitag — hasenherz @ 22:47

Jeden Tag komme ich nach Hause und hänge mein Sportzeug auf die Wäscheleine. (Einzige Ausnahmen sind der Donnerstag und der Sonntag – an diesen beiden Tagen treibe ich keinen Sport.) Es ist seltsam plötzlich sportsüchtig zu sein. Am Anfang war es hart und hat keinen Spass gemacht. Jetzt aber zähle ich fast schon die Stunden, bis ich wieder in Bewegung sein darf. Es ist, als ob das der einzige Weg wäre, um mich selbst fühlen zu können. Den Körper schinden, um zur Seele durchzudringen. Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch viel simpler.

Morgen gehe ich “Faustrecht der Freiheit” im Theater am Neumarkt schauen. Eine Adaption von Rainer Werner Fassbinders Film. Fassbinder sagt: „Bei mir geht es um die Ausbeutbarkeit von Gefühlen, von wem auch immer sie ausgebeutet werden. Das endet nie. Das kannst du in immer neuen Variationen erzählen.”

Vielleicht könnte ich euch auch von der Ausbeutbarkeit der Gefühle erzählen. Oder von einer Variation davon. Aber wie so oft rede ich nicht. Wenn man mich so ein Bisschen kennt, würde man sich das wohl nicht träumen lassen, dass ich so gut schweigen kann. Gute Freunde wissen wohl um meine Sprachlosigkeit. Aber schliesslich: “Freundschaft ist eine Tür zwischen zwei Menschen. Sie kann manchmal knarren, sie kann klemmen, aber sie ist nie verschlossen.” (Balthasar Gracián y Morales)

 

Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist 6. Februar 2012

Einsortiert unter: Montag — hasenherz @ 15:40
Jess Jochimsen: Was sollen die Leute denken

Jess Jochimsen: Was sollen die Leute denken

Ich war gestern mal wieder – zusammen mit der fantastischen Suelo – Jess Jochimsen schauen. Er trat zusammen mit Sascha Bendiks im Kreuz in Jona auf. Wir fuhren also in die Provinz, um Gutes zu geniessen. Mal ganz abgesehen davon, dass Jess mich unverhofft ins Stück integrierte, war der Abend wie immer sehr angenehm und unterhaltsam.
Einer der Sätze, den ich sehr mag: “Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist.” (Übrigens auch ein Buchtitel von Selim Özdogan.)

Zum Schluss bekam ich Jess neustes Buch geschenkt, welches ich sehr empfehlen kann: “Was sollen die Leute denken

Was die Leute denken, war mir dann auch ziemlich egal und nachdem wir einige Gläser getrunken hatten, machten wir uns auf in die Kälte. Suelo sagte, dass ihr das Programm von Jess & Sascha sehr gefallen hätte, weil die Texte, Bilder und Musik einerseits sehr melancholisch, trotzdem liebevoll und tiefgründig, aber auch bissig seien. Ich gebe ihr in allen Punkten Recht.

PS: Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.

 

Ceci n’est pas une pipe. 4. Februar 2012

Einsortiert unter: Freitag — hasenherz @ 01:13
René Magritte: Ceci n'est pas une pipe

René Magritte: Ceci n'est pas une pipe

Es ist minus dreizehn Grad in Zürich. Arschkalt. Diese Temperaturen erinnern mich an den Januar 2009. Damals habe ich ein Gedicht geschrieben:

Minus zehn Grad

Gleichmütig blicken die Abendlichter
mir entgegen durchs blasse Glas.
Der Zug fährt. Ich stehe still.

Jetzt, da ich dich offen trage
nicht ummantelt, sondern bloss
bist du mir Mond am Horizont
- so lächerlich und einzig.

Und schon schiebt sich
die erste Nachtwolke
zwischen uns.

Schon seltsam, wie die Zeit die Dinge wandelt. Heute stehe ich allem und allen mit einer unwirklichen Gleichgültigkeit gegenüber. Und die Dinge, die mir nicht gleichgültig sind, lasse ich vorbeiziehen, lasse ich gehen. Als ob ich Klebstoff wäre, der mit den Jahren spröde geworden ist. Und trotzdem sehe ich mich morgens im Spiegel an und denke: Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden. Ich bin glücklich. Was möchte ich mehr?

Ich war in Clermont-Ferrand an einem Kurzfilmfestival. Und es war der Hammer. Es war lustig, aufregend, anstrengend und sehr abwechslungsreich. Badana und ich haben viele Kontakte geknüpft und die meisten (mit einer Ausnahme) Leute waren sehr nett und offen. An einem Abend – an der Soiree des Deutschen Films – hab ich die schrecklichste und schönste Erfahrung seit langem gleichzeitig gemacht. Achterbahn sozusagen. Aber gut. Manchmal sind Reptiloiden gut, um einem die Augen für die Schönheit zu öffnen. Und dann, es war früh am Morgen, es hatte die ganze Nacht geschneit, die Stadt lag vor uns unberührt, der Schnee einen Meter hoch, Badana und ich stapften durch die Strassen, blieben stehen und Aboubakeur Hamzi sagt: “Ich lebe im Augenblick.” Und ich sage: “Und dies, dies ist unser Augenblick.”

Wäre die Kälte nicht so durchdringend, ich würde mein Innerstes nicht fühlen. Wir sollten dankbar sein. Für die leuchtenden Momente. Für Freundschaft und Nähe. Funkeln in der Nacht. Wie Tigeraugen. Ich bin gespannt, was 2012 noch so alles bringen mag. Vielleicht ist eine Pfeife ja wirklich keine Pfeife.

 

 
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