Tod durch Buecher – Hasenherz' Blog

Warum Worte Leben retten – oder auch nicht

Dann verweht, was uns bedrückt 27. April 2012

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Und plötzlich war da ein Hasenviech.

Und plötzlich war da ein Hasenviech.

“Aus meiner tiefsten Seele zieht mit Nasenflügelbeben ein ungeheurer Appetit nach Frühstück und nach Leben.” (Joachim Ringelnatz)

Heute habe ich – als ich vom Bahnhof die Treppe hochhetzte – eine Entdeckung gemacht. (Siehe Bild.) Das war eine sehr schöne Überraschung. Sein Hasenviech plötzlich so öffentlich zu sehen. Da war wohl jemand kreativ. Sehr schön.

Überhaupt. Seit so schönes Wetter ist, fühlt sich das Leben anders an. Alles ist leichter. Man mag eher verzeihen und ist ein Bisschen weniger wütend. (Nicht wahr, Igor?)

Gestern als ich im Rimini sass und das erste Mal dieses Jahr ins Flussbad-Wasser schaute, stiess ich mit meinen fabelhaften Freundinnen auf den Piratensommer Reloaded an. Ein guter Moment: Es wird Sommer.

Wenn im Sommer (Otto Bierbaum)

(…) Dann verebbt, was uns bedroht,
dann verweht, was uns bedrückt,
über dem Schlangenkopf der Not
ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur, es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
werden wir in Rosen gehn,
und die Sonne lacht uns Glück!

 

Der zweifelhafte Gast 6. April 2012

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Der zweifelhafte Gast von Edward Gorey

Der zweifelhafte Gast von Edward Gorey

Phu. Mir ist etwas flau. Ich hab gestern billigen Aldi-Whiskey getrunken (es war ein Notfall) und der hatte es in sich. Nun denn, es war nötig. Und jetzt also Ostern. Ostern ist mein Lieblingswochenende im Jahr. Weil man viel frei hat und Ostern meistens in den noch zögernden Frühling fällt. Heute riecht es nach feuchter Erde und Anfängen. Ich mag das sehr. Der Karfreitag mag ich ganz besonders. Ich erinnere mich an einige vergangene Karfreitage gern zurück. Da war zum Beispiel der Karfreitag, wo ich Leander das letzte Mal gesehen habe. Wir hatten harte Zeiten hinter uns, ich habe die Todesanzeige für seinen Bruder verfasst und in seiner Familie – in die ich so plötzlich geworfen wurde – war sehr viel Trauer. Diese Trauer und die Plötzlichkeit hat dazu geführt, dass unser “uns” nicht weiterging. Aber unser letzter gemeinsamer Tag war sehr schön. Er war leicht und wehmütig und geprägt von Wohlwollen. Es war Karfreitag und – wie dieses Jahr – regnerisch. Wir zogen durch die Strassen, lachten viel. Wir assen, tranken und verabschiedeten uns für immer.

So ist das. Manchmal trifft man auf Menschen (und auf Orte in Menschen), verbringt eine kurze, glimmende Zeit, geht dann weiter, der Strasse entlang, an Wänden und Wiesen vorbei, auf den Wald zu. Dunkler, tiefer, schöner Wald.
Und dann gibt es aber auch die Menschen, die unverhofft in unser Leben treten und bleiben. Sie setzen sich auf das meergrüne Sofa, klopfen das Kissen zurecht und schauen sich nach einem Getränk um. Man selbst steht noch immer am Eingang, mit der offenen Tür in der Hand und weiss nicht so recht, ob man den Gast höflich bitten soll zu gehen. Dann aber denkt man: Jänu. Schlägt die Tür zu und fragt: Schnaps oder Wein?

PS: Im Easy-Tal gibt’s keine Gastritis.

 

Knarren und Klemmen 17. Februar 2012

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Jeden Tag komme ich nach Hause und hänge mein Sportzeug auf die Wäscheleine. (Einzige Ausnahmen sind der Donnerstag und der Sonntag – an diesen beiden Tagen treibe ich keinen Sport.) Es ist seltsam plötzlich sportsüchtig zu sein. Am Anfang war es hart und hat keinen Spass gemacht. Jetzt aber zähle ich fast schon die Stunden, bis ich wieder in Bewegung sein darf. Es ist, als ob das der einzige Weg wäre, um mich selbst fühlen zu können. Den Körper schinden, um zur Seele durchzudringen. Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch viel simpler.

Morgen gehe ich “Faustrecht der Freiheit” im Theater am Neumarkt schauen. Eine Adaption von Rainer Werner Fassbinders Film. Fassbinder sagt: „Bei mir geht es um die Ausbeutbarkeit von Gefühlen, von wem auch immer sie ausgebeutet werden. Das endet nie. Das kannst du in immer neuen Variationen erzählen.”

Vielleicht könnte ich euch auch von der Ausbeutbarkeit der Gefühle erzählen. Oder von einer Variation davon. Aber wie so oft rede ich nicht. Wenn man mich so ein Bisschen kennt, würde man sich das wohl nicht träumen lassen, dass ich so gut schweigen kann. Gute Freunde wissen wohl um meine Sprachlosigkeit. Aber schliesslich: “Freundschaft ist eine Tür zwischen zwei Menschen. Sie kann manchmal knarren, sie kann klemmen, aber sie ist nie verschlossen.” (Balthasar Gracián y Morales)

 

Ceci n’est pas une pipe. 4. Februar 2012

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René Magritte: Ceci n'est pas une pipe

René Magritte: Ceci n'est pas une pipe

Es ist minus dreizehn Grad in Zürich. Arschkalt. Diese Temperaturen erinnern mich an den Januar 2009. Damals habe ich ein Gedicht geschrieben:

Minus zehn Grad

Gleichmütig blicken die Abendlichter
mir entgegen durchs blasse Glas.
Der Zug fährt. Ich stehe still.

Jetzt, da ich dich offen trage
nicht ummantelt, sondern bloss
bist du mir Mond am Horizont
- so lächerlich und einzig.

Und schon schiebt sich
die erste Nachtwolke
zwischen uns.

Schon seltsam, wie die Zeit die Dinge wandelt. Heute stehe ich allem und allen mit einer unwirklichen Gleichgültigkeit gegenüber. Und die Dinge, die mir nicht gleichgültig sind, lasse ich vorbeiziehen, lasse ich gehen. Als ob ich Klebstoff wäre, der mit den Jahren spröde geworden ist. Und trotzdem sehe ich mich morgens im Spiegel an und denke: Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden. Ich bin glücklich. Was möchte ich mehr?

Ich war in Clermont-Ferrand an einem Kurzfilmfestival. Und es war der Hammer. Es war lustig, aufregend, anstrengend und sehr abwechslungsreich. Badana und ich haben viele Kontakte geknüpft und die meisten (mit einer Ausnahme) Leute waren sehr nett und offen. An einem Abend – an der Soiree des Deutschen Films – hab ich die schrecklichste und schönste Erfahrung seit langem gleichzeitig gemacht. Achterbahn sozusagen. Aber gut. Manchmal sind Reptiloiden gut, um einem die Augen für die Schönheit zu öffnen. Und dann, es war früh am Morgen, es hatte die ganze Nacht geschneit, die Stadt lag vor uns unberührt, der Schnee einen Meter hoch, Badana und ich stapften durch die Strassen, blieben stehen und Aboubakeur Hamzi sagt: “Ich lebe im Augenblick.” Und ich sage: “Und dies, dies ist unser Augenblick.”

Wäre die Kälte nicht so durchdringend, ich würde mein Innerstes nicht fühlen. Wir sollten dankbar sein. Für die leuchtenden Momente. Für Freundschaft und Nähe. Funkeln in der Nacht. Wie Tigeraugen. Ich bin gespannt, was 2012 noch so alles bringen mag. Vielleicht ist eine Pfeife ja wirklich keine Pfeife.

 

Liebe Esmeralda 2. Dezember 2011

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Heute Morgen traf ich die kleine Esmeralda im Zug. Esmeralda war eine meiner Schützlinge in der Kinderkrippe, wo ich mal ein Praktikum gemacht habe. Mir wurde vor Augen geführt, wie viel Zeit seit damals vergangen ist, denn Esmeralda ist jetzt ca. 14 Jahre alt. Erkannt habe ich Esmeralda nur, weil ihre Mutter bei ihr war. Ich habe nicht mit Esmeralda gesprochen – nur mit ihrer Mutter. Trotzdem schreibe ich ihr einen offenen Brief:

Liebe Esmeralda
Mit vierzehn Jahren erwachte bei mir ein Bewusstsein, das man wohl – jetzt mit Distanz betrachtet – als Übertritt ins Erwachsenenalter bezeichnen könnte. An das Jahr, als ich vierzehn Jahre alt war, kann ich mich gut erinnern. Ans Jahr vorher fast nicht. In mir erwachte in politisches und gesellschaftliches Bewusstsein, ich schärfte meine Meinung und denke mal, dass diese damals erlangte noch immer Gültigkeit hat. Aber auch erwachte in mir die Sehnsucht, die Wünsche und Ziele, die nach wie vor Teil meiner selbst sind. Manchmal, wenn ich zurückdenke an mein gelebtes Leben, dann überkommt mich Wehmut. Nicht, weil ich Dinge bereue oder lieber anders gemacht hätte, nein. Es überkommt mich Wehmut, weil ich viele Momente und Zeiten gerne noch einmal leben würde. Jetzt, da ich etwas Erfahrung habe, weiss ich, dass ich viele Augenblicke nicht geniessen konnte, weil ich mit mir selbst unzufrieden war. Heute weiss ich, dass ich eigentlich keinen Grund hatte, mit mir nicht im Reinen zu sein. Wie schnell man ein verzerrtes Bild von sich selbst hat! Wie schnell man sich hassen lernt! Und wie lange es dauert, bis man sich einigermassen mag.

Liebe Esmeralda, lass dir gesagt sein: Trete hinaus in die Welt, frohen Mutes, sei zuversichtlich, betrachte dich mit Wohlwollen, begegne Menschen mit Vorsicht aber auch mit Offenheit. Sei neugierig! Drehe jeden Stein um. Öffne den Blick und schau ab und zu zum Himmel auf. (Den Himmel betrachten macht glücklich.) Sei gewahr: Wir liegen alle in der Gosse. Manche aber, blicken zu den Sternen auf. Hast du Wünsche, Ziele? Lass dich nicht davon abbringen. Nicht jeder wird Astronaut. (Aber vielleicht ein Schauspieler, der Astronauten spielt.)  Und vor allem: Beweg dich! Tanze. Renne. Sei ausser Atem. Denn dein Körper ist ein wichtiges Gut. Verlieb dich. Immer wieder. Lass dich nicht von den Schmerzen davon abbringen. (Und die Schmerzen – ich mach dir da nichts vor – können tödlich sein.) Küsse! Jeden Tag einmal – mindestens. (Menschen die viel küssen, leben gesund.) Spring nackt in den See und lerne. Vergrössere dein Wissen. Lies. Geh hinaus und trinke und rauche und reise im Kopf. Sei wild und ungezügelt. Sei diszipliniert was deine Ziele anbelangt. Hab Spass und sei gerecht. Sei stark – lass dir aber die Stärke nie ansehen!

Liebe Esmeralda, es gab einen Augenblick in meinem Leben, wo ich plötzlich befreit war von all meinen Ängsten und Vorurteilen gegenüber mir selbst. Er kam ziemlich spät in meinem Leben, aber er kam. Das war vor fast genau einem Jahr, im Dezember. Ich sass – früh am Morgen – in einem Hotelzimmer in einer Schweizer Stadt und blickte auf die verschneiten Bäume. Es war warm im Zimmer und die Kälte draussen, liess mich die Wärme noch deutlicher fühlen. Ich hatte mir das Frühstück aufs Zimmer kommen lassen, trank Kaffee und schminkte mich. Im Fernsehen lief die Liveübertragung von „Jeder Rappen zählt“, ein angenehm belangloses Hintergrundgeräusch. Die Nacht hatte ich mit einem Mann verbracht, den ich nicht kannte, den ich sozusagen aufgelesen hatte, der aber eine sehr angenehme Gesellschaft war. (Und den ich nie wieder sah.)  Ich hatte kaum geschlafen, erst um fünf Uhr morgens, als er mich verliess, schlief ich zwei traumlose Stunden. Ich sass also da, hing den Erinnerungen an die vergangene Nacht nach und wusste plötzlich, dass alles so, wie es ist, eigentlich ziemlich ok ist. Dass es keinen Grund für Klagen, für ein Zerwürfnis mit mir selbst oder Hass gab. Ich war und bin mit mir zufrieden. Natürlich. Es gibt viele Dinge, die ich ändern will. Die ich lernen will. Ich hab Ziele, die ich erreichen möchte. Ich möchte mehr – das ist nicht alles. Aber – und das ist der gewaltige Unterschied – es ist ok, wie ich bin. Ich bin fröhlich und stark. (Mein Vertrauenskollege würde jetzt lächeln.) Ich bin manchmal seltsam schön und sexy. Ich bin spannend und gesegnet mit Kreativität. Ich bin klug und herzlich. Und ich habe viele Fehler. Und das ist gut.

Liebe Esmeralda. Lass dich nicht unterkriegen. Die Welt liegt dir zu Füssen und tritt dich ab und zu mit selbigen. Sei gelassen. Alles wird gut.

 

Probiers Mal mit Heiterkeit 11. November 2011

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In Hamburg ist es kälter als in Zürich. Die Sonne aber scheint und ich wurde herzlich empfangen. Nun sitze ich alleine in Hases Wohnung, lese “Macht und Rebel” von Matias Faldbakken, trinke Kaffee und habe ein paar Stunden Zeit, bis zum nächsten Freundestreffen. Manchmal, wenn man sich aus seinem alltäglichen Leben rausnimmt und dann jäh alleine ist, stürzen alle ungedachten, brodelnden Gedanken, die man im alltäglichen Leben immer schön säuberlich zur Seite schiebt, über einen herein. Das ist gut und gewollt. Doch manchmal auch ganz schön hart. Einatmen, ausatmen, in sich hineinhorchen, das Geräusch der Straße draußen nicht ausblenden, aufmerksam die Gefühle entgegennehmen, alles einfach mal hinnehmen, keine Ausweichbewegung machen. Den Blick durch die Fensterscheibe auf den Himmel gerichtet, den Schmerz zulassen. Wer bin ich geworden? Wer drohe ich zu sein? Vielleicht bekomme ich darauf eine Antwort, wenn ich durch diesen ganzen Gefühlsnebel gegangen bin.

“Erfahrung ist ein brutaler Lehrmeister. Aber man lernt. Mein Gott, wie man lernt.”
(C.S. Lewis)

Letzte Nacht hat mich eine tiefe und ultimative Müdigkeit übermannt, ich schlief traumlos auf Hases Sofa und erwachte ratlos. Ich dachte an die Stunden gestern im Zug und an den langen Brief, den ich während der Reise an einen imaginären Freund schrieb. Er beginnt so: “Lieber Freund, bitte verzeih mir die Klischiertheit des folgenden Satzes.” Was mich zum Ausspruch von Max Frisch bringt: “Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen?”
Kann man sowieso irgendwas tun, ohne eine Rolle zu spielen?

Während ich wie ein verlorenes Kind durch das kniehohe Gedankenwasser am in der Dämmerung liegenden Strand wate, versuche ich mich an Mascha Kaléko zu halten: “Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.”

 

Post vom Schauspielhaus Zürich 9. September 2011

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Ok, ok, is ja gut, ich sag ja nix!

Ok, ok, is ja gut, ich sag ja nix!

 

Alle müden Äffli 2. September 2011

Einsortiert unter: Freitag — hasenherz @ 10:48

Am Mittwoch hatten wir Sommerevent mit der Firma. Den Nachmittag verbrachten wir im Klettergarten. Zuerst fürchtete ich mich vor der Höhe und der wacklige Untergrund machte mir Angst. Dann aber stellte sich Vertrauen ein und ich hatte Spaß. So richtig Spaß. Die Aussicht direkt auf den Rheinfall war bezaubernd und meine Klettergruppe noch viel bezaubernder. Wir machten immer wieder Pause auf den Plattformen, schwatzten, genossen die Sonne, die luftige Höhe. Der ganze Tag war zwar anstrengend aber auch herrlich leuchtend. Schön war auch, dass ich merkte, wie sehr mir die körperliche Anspannung fehlt und dass ich dringend wieder mehr Sport machen möchte. Heute früh ging ich also joggen und der Zürichsee ist einfach die beste Kulisse, ich mag den Blick aufs Wasser und den Horizont.

Jetzt aber sind alle Äffli müde und ein Bisschen erschöpf und sehnen sich nach Nichts-tun. Alle müden Äffli halten heute noch durch und lassen dann die Seele baumeln. Es muss ja nicht immer der höchste Turm sein. Hab ich Recht, Igor? Natürlich hab ich Recht.

 

Dodirni Mi Kolena 27. August 2011

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Es ist gut zu wissen, dass man ein Herz hat und Gefühle und auch Traurigkeit. Es ist gut zu wissen, dass man Freunde hat, mit denen man um einen Tisch sitzen kann. Es ist gut zu wissen, dass man lebt und atmet und hustet. Die Dinge verbringen Zeit und ich verlasse mich dabei. Rutschen wir nicht alle manchmal auf den Knien und flehen einen imaginären Gott an, er möge uns verzeihen? Absolution gibt es nicht. Für nichts. Und dann blick ich auf den See und weiss, dass alles gut wird.

Die Kälte hat uns eingeholt. Es war eben noch dreissig Grad warm und jetzt, jetzt ist es kalt. Ich höre eine sehr seltsame Techno-Version von “Dodirni mi kolena” und find das grad gut. Es ist gut zu wissen, dass man Dinge, die einem nie im Leben gefallen würden, gerade gut finden kann.

Hej na sveze mleko mirise dan
ptice pevaju na sav glas
jutro njise vetar, dodirni mi kolena
to bih bas volela

Und die Tage, die riechen wirklich nach frischer Milch. Wenn ich mir das vorstelle, möchte ich lachen. Auf dass du noch oft meine Knie berühren magst, dass es nie vorbei geht, dass sich daraus die schnellste, längste und schönste Ewigkeit ergibt.

Meine Küchenuhr zeigt zehn nach zwei und die Kirchenuhr schlägt die volle Stunde. Wie lange kann man sein Herz offen tragen, ohne daran zu verzweifeln? Wie intensiv kann man sein Leben leben, ohne daran zu zerbrechen? Wie sehr kann man die Welt in sich aufsaugen, ohne alles zerstören zu wollen? Alles was ich weiss und was mir bleibt ist Folgendes:

Im Takt der Stunde fällt Schnee auf Grau.

Ich habe mich gefangen und gleichermassen befreit.

Ich seh mich, wie ich gehe, damals, als ich unglücklich war.

Und daneben stehe ich, jetzt, da ich glücklich bin

und hebe die Hand zum Gruss.

Scheu lächle ich und sehe, wie der Schnee auf Asphalt schmilzt.

Wenn ich du wäre, würde ich leben wollen -

schreie ich mir hinterher.

Ich aber bin längst um die Ecke gebracht.

 

In der Nase Theater spielen 19. August 2011

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Eigentlich hab ich ja gar keine Zeit. Eigentlich müsste ich ja duschen und so. Aber ich sitz in meiner Küche, etwas erschlagen vom Tag und den Tagen zuvor und plötzlich lach ich laut raus, pruste über den leeren Küchentisch. Ich hab mich gerade daran erinnert, dass Izzie – als wir in Riga in einem Restaurant sassen – sagte, der Typ hinter ihr rieche wie ihre erste Liebe, sie werde sozusagen gerade in der Nase entjungfert. Wir haben sehr gelacht und das Bild ist mir gerade wieder eingefallen. Vielleicht fiel es mir ein, weil ich heute im Büro (ich war für ein paar Stunden da, weil mein Chef eine Erziehungsmassnahme an mir ausprobierte und ich ihn dafür strafte, in dem ich zum Trotz hinging, womit er eigentlich gar nicht gerechnet hatte) die ganze Zeit über den Duft von einem Arbeitskollegen in der Nase hatte. Menschen die ich mag riechen immer gut (die Frage ist, ob sie gut riechen, weil ich sie mag oder ob ich sie mag, weil sie gut riechen) und manchmal nimmt man den Geruch besonders gut wahr, vielleicht wegen der Hitze oder vielleicht auch wegen anderen Verstrickungen, die ab und zu im Kopf Theater spielen. Wie auch immer. Ich hab in der Folge also über meinen Geruchsinn nachgedacht, der nachgewiesenermassen ziemlich gut ist. Zum Beispiel passiert es mir oft, dass ich die Ankunft eines Menschen zuerst mit der Nase wahrnehme.
Der Geruch geht direkt ins Hirn, da gibt es keine Filter wie zum Beispiel bei den Augen oder Ohren. Zack. Mitten in der Mitte. Und die Gefühle sind da, als wären sie Pan, der mit seiner Plötzlichkeit regelmässig seine armen Mitspieler zu Tode erschreckte. Wenn ich zum Beispiel bei Zeko alleine auf dem Sofa sitze – was in letzter Zeit doch ab und zu mal vorkommt – hüllt mich sein Geruch voll und ganz ein, einer Umarmung gleich. Das ist schön und ein schönes Beispiel für einen ausgeprägten Geruchsinn. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Zum Beispiel S12 fahren im Sommer und das Gefühl haben, man sässe in einem Openair-Dixie-Klo.

 

 
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